Tischgespräche in Beinwil am See — endlich mal jemand, der nicht coacht, sondern zuhört

mein-coach.ch Redaktion · 2. Juli 2026 · 4 Min.

Rachelle Fürer & Shkodran Selimi, Uhne Sihlee GmbH, Beinwil am See

Hör zu. Du hast tausend Coaches im Feed. Alle erklären dir, wie du dein bestes Leben lebst. Alle haben eine Methode. Alle haben ein Programm. Alle haben einen Funnel.

Was du nicht hast: einen Ort, an dem du sagen kannst, wie es dir wirklich geht. Ohne dass jemand sofort mit einer Lösung um die Ecke kommt. Ohne Verkauf. Ohne Termin in drei Wochen.

Genau das gibt es in Beinwil am See. Und genau darüber müssen wir reden.

Was Rachelle Fürer und Shkodran Selimi machen

Sie öffnen einen Raum. Buchstäblich. Luzernerstrasse 19. Ein Tisch. Ein Sofa. Zwei Menschen, die zuhören.

Sie nennen sich Gastgeber. Nicht Coaches. Nicht Therapeuten. Nicht Berater. Gastgeber. Fakt ist: das ist ein Statement. Das sagt: wir wissen nicht besser als du, was du brauchst. Wir sind da. Setz dich hin.

Und dann gibt es diese Formate.

Trauercafé. Jeden zweiten Montag. 18:30 bis 20:30. Menschen, die trauern, kommen zusammen und reden. Über Verlust. Über den Kloss im Hals. Über die Wut, die keiner sehen will. Weisst du, was der Alltag von Trauernden ist? Nach zwei Wochen fragt keiner mehr. Alle sind wieder im Meeting. Und du sitzt zu Hause und funktionierst. Ehrlich? Das macht Leute krank.

Dieses Trauercafé ist die Antwort darauf. Nicht laut. Nicht spektakulär. Einfach ein Ort.

Gesundheitscafé. Letzter Mittwoch im Monat. Und jetzt kommt der Satz, der mich umgehauen hat, als ich das auf ihrer Website gelesen habe: „Wir versuchen gemeinsam den Druck rauszunehmen.” Nicht: „Ich habe den Fahrplan zu deiner Heilung.” Nicht: „Bei mir wirst du in 90 Tagen ein neuer Mensch.” Sondern: gemeinsam. Druck raus. Miteinander schauen.

Das ist so ziemlich das Gegenteil von allem, was gerade auf Instagram läuft.

Warum das seltener ist, als du denkst

Fakt ist: die halbe Coaching-Branche verkauft Prozesse. Frameworks. Fünf-Schritte-Programme. Alles maximal verpackt. Maximal skaliert.

Und dann kommst du hier vorbei und liest: „Hier darf ich mich zeigen, so wie ich gerade bin.” Das ist kein Marketing. Das ist eine Haltung.

Sie kommen sogar zu dir nach Hause. Wenn die Treppen zu steil sind. Wenn du nicht mehr rauskommst. Wenn du krank bist. Sie nennen das „Von Tisch zu Tisch”. Wer macht das noch? Ehrlich, sag mir einen anderen Anbieter, der das im Programm hat. Ich warte.

Und wenn’s andere Themen gibt — Klangreise, Körperarbeit, systemische Sachen — dann laden sie Kolleginnen und Kollegen aus ihrem Netzwerk dazu ein. Sie tun nicht so, als könnten sie alles. Sie sagen: dafür kennen wir jemanden. Punkt.

Für wen das nichts ist

Klare Ansage, damit keiner Zeit verliert.

Wenn du einen Coach willst, der dir sagt, wie du in sechs Monaten fünf Kilo abnimmst und deine Firma verdoppelst — geh woanders hin. Wenn du eine App willst, die dir jeden Morgen eine Affirmation pusht — hier falsch. Wenn du das schnelle Fix-Programm willst, das dich in drei Wochen „transformiert” — vergiss es.

Tischgespräche sind für Menschen, die verstanden haben, dass die eigentliche Arbeit im Sitzen und Reden passiert. Nicht im Optimieren.

Was mich wirklich beeindruckt

Zwei Sachen.

Erstens: der Mut, ein Trauercafé anzubieten. Trauer ist tabu. Trauer verkauft nicht. Trauer ist unbequem. Wer trotzdem Räume dafür öffnet, versteht was von Menschen. Punkt.

Zweitens: die Bescheidenheit. „Gastgeber”. Ich muss das nochmal betonen. Sie klopfen sich nicht auf die Schulter. Sie machen keine grossen Versprechungen. Sie sagen: setz dich, iss was, red. Auf ihrer Seite steht nirgendwo „Ich mache dich zu deiner besten Version”. Da steht: „Wie geht es Dir wirklich?”

Diese Frage ist mehr wert als 90 Prozent aller Coaching-Programme da draussen. Wer sie ernst meint, meint alles ernst.

Schluss damit, so zu tun, als bräuchte jeder Support-Fall ein Programm mit Onboarding und Abschlusszertifikat. Manchmal braucht es nur einen Tisch. Und zwei Menschen, die still werden können.

Beinwil am See hat das jetzt.

Der Rest der Schweiz sollte sich fragen, warum nicht mehr.